OPÉRATION ENSEMBLE - LITERATUR
Neutralität: «Die Neutralitätsinitiative ist ein weiterer Ausdruck von politischem Opportunismus ohne Verantwortung.»
ES GEHT UM DIE WURST
Nora Osagiobare, Schriftstellerin, Prosa | Drama, Zürich
Der Vater schweigt. Er spiesst einen dünnen Apfelschnitz aus dem Chicoréesalat auf und lässt diesen in den Mund wandern, wo er ihn geräuschlos zu Matsch zerkaut. Er betrachtet den Sohn ausdruckslos, den Sohn, der sich gerade über den Esstisch lehnt, um sich an der Bratwurst der Tochter zu bedienen. Die Mutter reisst die Augen auf und stemmt ihre Fäuste auf die Tischplatte – ein klarer Verstoss gegen die familiären Tischmanieren, der angesichts des Verstosses des Sprösslings jedoch kaum ins Gewicht fällt. Die Mutter gebietet dem Sohn, der Tochter die Bratwurst unverzüglich zurückzugeben, doch dieser grinst nur und beisst genüsslich in ein Ende der Wurst, die ihren wässrigen Saft über seinen Mundwinkel ergiesst. Die Tochter schluchzt und stöhnt, vermeidet den Anblick des Bruders, um ihrer Verzweiflung nicht noch mehr Futter zu geben. Der Vater schneidet eine Scheibe seiner Wurst und räuspert sich. Draussen peitscht ein herbstlicher Regen.
Die Tochter gibt ihrem Unmut nun mit Argumenten Ausdruck, und erhofft sich so, in die ontologische Sphäre des Vaters vorzustossen – doch bei ihren Worten zieht dieser nur die Augenbrauen hoch, als würde er das Spektakel so besser überblicken können. Dieselbe Mimikverschiebung vollzieht sich auch bei der sonntäglichen Zeitungslektüre. Die Tochter, nun gewahr darüber, dass sie dem Vater kaum mehr Interesse abgewinnen kann als eine Schlagzeile, wendet sich mit hilfesuchendem Blick an die Mutter. Diese, von erwachsener Ernüchterung längst in Besitz genommen und deshalb nicht mehr auf die väterliche Solidarität hoffend, richtet sich direkt an den Aggressor. Doch die familiäre Hackordnung ist diesem bestens bekannt – er nimmt die Mutter schon lange nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Tischgesellschaft wahr.
Der Sohn hat inzwischen bereits die Hälfte der Wurst verspeist, was die Mutter veranlasst, den ihr zugewiesenen Platz zu verlassen und um den Tisch zu gehen, sich hinter ihn zu stellen und nach seinem Teller zu greifen – dieser aber, durch frühere Manöver geübt, lehnt sich mit dem breiten Oberkörper, der den des erwachsenen Vaters in seiner Fülle um weites überragt, über den Teller und lässt den Griff der Mutter auf ein Schild aus Muskeln und Sehnen treffen. So hängt dann der mütterliche Arm kümmerlich in der Luft wie eine Fliegenklatsche, die den erlösenden Schlag verfehlt hat und sich, provoziert und weiter angetrieben durch den erfolglosen Versuch, auf die nächste Offensive gegen ihren flinken Störenfried vorbereitet. Währenddessen knacken die Fensterrahmen bedrohlich und schirmen die dysfunktionale Kleinfamilie weiterhin standhaft vom tobenden Unwetter ab.
Das freche Schmatzen des Sohnes veranlasst die Mutter zu einem weiteren Versuch der Gerechtigkeitswiederherstellung. Der Vater schneidet indes den Rest der Wurst in zwei gleichmässige Stücke und kaut genüsslich auf dem zweitletzten. Sein Handlungsrahmen am Esstisch wird durch kulinarische Aktivitäten begrenzt: Schneiden und Kauen. Dem Zwist seiner Umgebung kann er kein Interesse mehr abgewinnen. Das ändert sich erst, als die Mutter den Sohn am Haarschopf packt und ihn mit einer für die Familie ungewöhnlichen Dramatik vom Tisch zerrt. Unter den gebannten Blicken von Vater und Tochter steuert sie die Eingangstür an, öffnet diese mit der freien Hand und stösst den Sohn mit überraschender Kraft hinaus in den abendlichen Sturm, der sich nun brausend in seiner ganzen Bedrohlichkeit präsentiert. Dann verschliesst die Mutter die Tür. Der Vater führt in der plötzlichen Stille das letzte Wurststück zum Mund und kaut.
Zur Schriftstellerin
Nora Osagiobare, wurde 1992 in Zürich geboren. Mit ihrem Debütroman Daily Soap war sie Stipendiatin der Autor:innenwerkstatt Prosa am Literarischen Colloquium Berlin, erhielt einen Werkbeitrag des Kantons Zürich und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Für ihre Kurzgeschichte Daughter Issues erhielt sie 2025 im Rahmen der 49. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den KELAG-Preis. Sie ist Co-Präsidentin des Deutschschweizer PEN-Zentrums und lebt in Zürich.
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Opération Ensemble ist ein Format der Operation Libero, in welchem sich Politik, Kultur und Kunst vereinen, um sich gemeinsam für eine offene, liberale Schweiz und für die Gleichstellung einzusetzen. In der Reihe Literatur setzen sich Autor*innen mit politischen Themen künstlerisch auseinander und schaffen so einen kreativen Zugang zu aktuellen Debatten.