OPÉRATION ENSEMBLE - LITERATUR
Familienzeit: «Eine starke Gesellschaft wächst mit Fürsorge.»
TAUSEND TAGE
Seraina Kobler, Schriftstellerin, Zürich
Ana atmete aus. Dann betrat sie die Apotheke. Natürlich hätte sie auch einen Test in der Frauenklinik mitnehmen können, aber das hätte ihre Welten noch mehr vermischt. Sie, die schon als Mädchen gewusst hatte, dass sie Hebamme werden wollte. «Weil ich da die Frauen schreien höre und die süssen Babys anschauen kann», hatte sie durch ihre breite Zahnlücke hindurch verkündet. Erst später war ihr klar geworden, von was sie sich damals angezogen gefühlt hatte, nämlich der brachialen Gewaltigkeit des Vorgangs, den sie bei der Hausgeburt ihrer jüngeren Schwester miterlebt hatte.
In den vergangenen Jahren hatte sie über tausend Paare begleitet. Manchmal stellte sie sich einen ausverkauften Theatersaal vor und versuchte, all die Babys hineinzudenken. Nur bei ihr selbst hatte sich nie eine Schwangerschaft einstellen wollen. Irgendwann wurden aus ihren Freundinnen Mütter, die sich nach Hitzepickeln, Windpocken oder dem Stillen mit zwanzig Monaten erkundigten, bis auch das verebbte. Manchmal fuhr Ana nicht mehr mit, wenn die anderen nach Sardinien auf den familienfreundlichen Campingplatz aufbrachen. Es war ohnehin der Dienstplan, der ihr Leben diktierte. Bis sie Otto begegnet war.
Otto und Ana, zwei Palindrome. Und eines zu viel für Franz, mit dem sie gleich nach der Matura zusammengezogen war. Aus dem wildverliebten Paar von damals war eines geworden, das die Geschirrspülmaschine perfekter Übereinstimmung einräumte und dessen grösste gemeinsame Ambition noch darin bestand, die nächste Staffel irgendeiner Serie anzufangen. Natürlich hätte sie es ihm längst sagen müssen, das mit Otto. Stattdessen schwieg sie, aus Rücksicht auf ihn oder aus Feigheit, je nach Verfassung erschien ihr das eine wahrer als das andere. Doch nun spannten ihre Brüste, und schon nur beim Gedanken an den Geruch der Pferdemetzgerei im Erdgeschoss ihres Wohnhauses wurde ihr übel.
Kopfschüttelnd zog sie einen Frühtest aus dem Regal. 39.90, mit Digitalanzeige und komplett überteuert. Sie würde jeder ihrer Patientinnen davon abraten. Dennoch verbuchte sie den Kauf auf ihrem inneren Lapsus-Konto und erschrak. Sie hatte versprochen, bei den Siebers vorbeizuschauen. Milcheinschuss. Beginnender Wochenbettblues. Der frischgebackene Vater öffnete die Türe, führte einen Finger zum Mund. Er schlich auf leisen Socken voraus, als wäre schon das Gewicht seiner Schritte zu viel. Auf dem Nachttisch standen zwei Teetassen, beide halbvoll. Daneben eine Packung Stillhütchen, ungeöffnet, eine angebissene Banane, im Flur ein Wäschekorb mit dreckigen Bodys.
Ana kannte die Stimmung in diesen Wohnungen, obwohl sie alle anders waren, anders rochen. Hier gerade nach Calendulaöl und einer Hühnersuppe, die auf dem Herd blubberte. Herr Sieber war der Typ, der alles las, jede App, jede Studie, der wusste, wie viele Milliliter sein Sohn durchschnittlich trank, die Geburt detaillierter schildern konnte als seine Frau. Er räumte den Geschirrspüler aus, bestellte Windeln, erkundigte sich, ob er etwas helfen könnte, wenn sie den Stand der Rückbildung tastete. Nichts daran auszusetzen, im Gegenteil. Ana mochte solche Männer. Nur verschwanden sie dann nach zwei, maximal vier Wochen wieder im Büro. Eigentlich hatten sie es sich anders gewünscht, so als Paar. Hiess es dann achselzuckend, aber da waren Sitzungen, Projekte, Kunden, Vorgesetzte, der Ferienanspruch, der längst aufgebraucht war. Wenn Ana einer Familie erneut begegnete, weil vielleicht ein zweites Kind unterwegs war, schienen sich die Rollen eingeschliffen zu haben. Die Mutter hob das Kind hoch, noch bevor es richtig zu weinen begonnen hatte. Sie wusste, ob dieses Weinen Bauchweh bedeutete oder bloss das Bedürfnis, kurz gehalten zu werden. Der Vater hingegen fragte, wo die Ersatzkleider lagen oder welches Fläschchen das Richtige war. Vielleicht war genau das das Heimtückische.
Es gab keinen Moment, in dem sich alles entschied. Es geschah lautlos. Windel um Windel, Nacht um Nacht und natürlich Montagmorgens, wenn einer zur Arbeit musste, und nicht dabei war, als das Kind zum ersten Mal über seinen eigenen Fuss lachte. Irgendwann wurde selbstverständlich, dass eine Person wusste, welche Melodie das Kind beruhigte, welche Strumpfhose nirgends drückte und weshalb es plötzlich keine Birnen mehr mochte. Denn Babys vergeben ihre Zuneigung gnadenlos nach Präsenz. Nach Händen, die sie wickelten, fütterten, trugen, trösteten. Bindung entstand nicht in einem einzigen grossen Augenblick, sondern in hundert kleinen, unspektakulären Wiederholungen. Wer sie verpasste, musste sie sich später mühsam zurückerobern.
Ein leises Schmatzen drang aus dem Schlafzimmer. Noch bevor Ana ihre Utensilien bereit legen konnte, war Herr Sieber bereits verschwunden. Er setzte sich neben seine Frau auf die Bettkante und griff nach dem inzwischen kalten Tee, weil er wusste, wie durstig das Stillen machte. Ana beobachtete die beiden einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre. Vielleicht war das der eigentliche Anfang einer Familie. Nicht die Geburt selbst, sondern all die unscheinbaren Handgriffe danach. In diesen ersten tausend Tagen, in denen ein Kind lernte, ob die Welt ein verlässlicher Ort war. Bald darauf verabschiedete sie sich leise, zog die Haustür hinter sich ins Schloss und tastete nach ihrer Tasche. Der Schwangerschaftstest war noch da.
Zur Schriftstellerin
Seraina Kobler, geboren 1982 in Locarno, aufgewachsen in Basel, arbeitete nach dem Studium als Redakteurin. Im Inland-Ressort der «Neuen Zürcher Zeitung» war sie für gesellschaftliche Fragen zuständig. Heute ist sie freie Autorin. Gerade ist ihr vierter Roman «Tal der Schwalben» im Diogenes Verlag erschienen. Sie hat unter anderem den Essay-Preis der Zeitung «Der Bund» gewonnen und war für den Ingeborg Bachmannpreis 2026 nominiert. Kobler lebt und schreibt mit ihren fünf Kindern in Zürich.
Das Wochenbett ist für Seraina Kobler ein heiliger Raum, danach wünscht sie sich für werdende Eltern, dass sie mit genügend Zeit und auf sicherem Boden durch die vulnerablen Phasen gehen können, um die Bedürfnisse ihres Kindes, wie die eigenen kennenzulernen und sich als Eltern auf Augenhöhe zu finden, unabhängig von der gelebten Familienkonstellation.
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Opération Ensemble ist ein Format der Operation Libero, in welchem sich Politik, Kultur und Kunst vereinen, um sich gemeinsam für eine offene, liberale Schweiz und für die Gleichstellung einzusetzen. In der Reihe Literatur setzen sich Autor*innen mit politischen Themen künstlerisch auseinander und schaffen so einen kreativen Zugang zu aktuellen Debatten.