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Nicht alles Gold glänzt

15. Nov. 2014
Ivo Scherrer

Die Goldinitiative bläst zur Anbauschlacht im Tresorraum und gibt vor, “das Volksvermögen zu schützen.” Die Initiative bewirkt aber das Gegenteil dessen, was sie verspricht. Bei einer Annahme würden die Schweizerischen Goldreserven faktisch wertlos und die Schweizerische Nationalbank (SNB) könnte die Stabilität des Schweizer Frankens nicht mehr garantieren. Die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz wäre damit massiv gefährdet

Ein Gold-Anteil von mindestens 20% am Vermögen der Schweizerischen Nationalbank! Keine Verkäufe des Goldbestandes! Schweizer Gold in Schweizer Tresoren! Dies sind die drei Forderungen der Gold-Initiative, die am 30. November zur Abstimmung steht. Mit der Absicht, das Schweizer Volksvermögen zu schützen, blasen die Initianten zur Anbauschlacht im Tresorraum. Dabei sind sie sich wohl kaum bewusst, welchen Schaden ihre Initiative anzurichten droht. 

Vernichtetes Volksvermögen

Die schwerwiegendste der drei Forderungen findet sich in Artikel 1, Abs. 1 des Initiativtexts: „Die Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank sind unverkäuflich.“ Die SNB müsste gemäss Initiativtext also Gold horten, dürfte es aber unter keinen Umständen verkaufen. Dumm nur, dass etwas ökonomisch völlig wertlos wird, das man nie verkaufen darf. Die Goldinitiative schützt also kein Volksvermögen, wie sie vorgibt. Im Gegenteil, sie vernichtet es. Alles was uns bei Annahme der Initiative noch übrig bliebe, wäre, es Dagobert Duck gleichzutun, und jeden Monat ein Bad in unseren geliebten Goldreserven zu nehmen.  

Das Verkaufsverbot für Gold würde eine zweite schwerwiegende Folge zeitigen. Und zwar würde es dazu führen, dass der Anteil Gold an den Aktiven der SNB mittelfristig weit über 20 Prozent ansteigen würde: Nehmen wir an, die SNB verfügte bereits über einen Gold-Anteil am Vermögen von 20 Prozent: Wollte sie nun Euro kaufen, um sicher zu gehen, dass sich der Schweizer Franken gegenüber dem Euro nicht wieder aufwertet, müsste sie gleichzeitig Gold im Wert eines Fünftels der zugekauften Euro akquirieren. Ansonsten würde sie die 20-Prozent-Gold-Quote nicht halten können. Dies wäre zuerst einmal kostspielig und würde Spekulanten in die Hände spielen, die davon ausgehen könnten, dass die SNB immer wieder Gold kaufen müsste. Doch darin liegt nur die Hälfte des Problems. Denn wenn die SNB zu einem späteren Zeitpunkt die Euro wieder verkaufen wollte, würde sie aufgrund des Verkaufsverbots auf dem zuvor zugekauften Gold sitzen bleiben. Der Gold-Anteil am SNB-Vermögen würde entsprechend steigen und ein Klumpenrisiko kreieren, das die Schweizer Nationalbank daran hindern würde, flexibel und rasch an den turbulenten Finanzmärkten intervenieren zu können.

Die Volatilität des Goldes

Um den gewünschten Mindestanteil von 20-Prozent zu erreichen, müsste die SNB beim heutigen Preis Gold im Wert von rund CHF 65 Milliarden (bzw. rund 1800 Tonnen Gold) dazukaufen. Die Menge an Gold, die die SNB zukaufen müsste, entspräche der gemeinsamen Jahresproduktion der zehn grössten globalen Goldproduzenten - von China und den USA, über Südafrika und Peru, bis Australien und Ghana. Eine Anbauschlacht im Tresorraum stünde uns bevor.

Könnte man diese massive Investition wenigstens dann als unfehlbar betrachten, wenn man grosszügig darüber hinwegschaute, dass das immense Goldvermögen der SNB mit dem von der Initiative postulierten Verkaufsverbot seinen Wert verlöre? Nein. Denn wie jede andere Anlage hat Gold keinen inhärenten Wert. Der Preis des Goldes bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage und dieser Preis ist alles andere als stabil. Seit die Initiative im September 2011 lanciert worden ist, hat Gold 30 Prozent seines Werts in Schweizer Franken verloren. Die Initianten lassen sich vom Glanz des Goldes blenden wie einst der goldvernarrte Midas und verkennen dabei die Realität der Finanzmärkte.

Keine goldene Fessel für die SNB

Ihre wichtigsten Aufgaben – die Inflation im Zaum halten, im Notfall eine abrupte Ab- oder Aufwertung des Frankens gegenüber anderen Währungen zu verhindern sowie zur Stabilität des Schweizerischen Finanzsystems beizutragen – nimmt die SNB im hochkomplexen Umfeld der internationalen Finanzmärkte wahr. Da eine clevere Geldpolitik langfristige Planung voraussetzt und nicht den kurzfristigen Interessen übereifriger Politiker überlassen werden sollte, ist sie wie praktisch alle anderen Notenbanken westlicher Staaten, mit grosser Unabhängigkeit ausgestattet. 

Damit die SNB, eine zu Recht als vertrauenswürdig angesehene Institution, ihre Aufgabe auch in Zukunft erfolgreich meistern kann, gilt es, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Legen wir der Nationalbank keine goldenen Fesseln an. Ihre Aufgabe ist zu wichtig, als dass wir sie aufgrund einer emotionalen Faszination mit Gold gefährden sollten.

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